Dritte Übungsgruppe
Meditation eines Symbols
 

Heute muß ich mit einer Klärung beginnen. Ich bekam einen Brief als Reaktion auf die erste Kursstunde, aus dem eine Angst sprach: die Angst davor, wir könnten uns mit unserer Arbeit auf eine gefährliches Gebiet begeben. Einiges von dem, was wir als Vorübung tun, geht parallel mit den Anfangsübungen des Autogenen Trainings. Dort aber wird manches übernommen aus der jahrtausendalten Erfahrung Asiens, wie sie z.B. in der Yoga-Schule weiter überliefert wird. Da hat man eine hervorragende Kenntnis der Möglichkeiten, wie man das seelische Leben vom Leiblichen her beeinflussen kann, von denen wir einiges lernen können. "Alles ist teuer", sagt der Apostel Paulus, "ihr aber seid Christi." Wir haben als Christen die Freiheit bekommen, auch von Nichtchristen Dinge zu übernehmen, wenn sie uns dazu helfen, näher an Christus zu kommen (z.B. in der modernen Kirchenmusik). "Prüfet alles, das Gute behaltet" - das ist im Laufe der Kirchengeschichte auf allen Gebieten geschehen. Und es könnte sein, daß uns Gott heute gerade dieses Angebot macht, daß wir hier Dinge lernen, die wir für unser Menschsein und für unser Christsein dringend brauchen. Nichts liegt mir ferner als eine kritiklose Übernahme dessen, was auf dem Boden Asiens gewachsen ist. Aber vieles davon lebt auch in unserer eigenen christlichen Tradition und kann von daher wieder lebendig werden. Nur unter der Führung des Heiligen Geistes soll und kann unsere Arbeit fruchtbar werden - wir wollen Ihn bitten, uns immer neu zu zeigen, was förderlich und was hinderlich ist für unseres Weg zu Christus.


Nun zur Sache:

Wir haben nach bildhaften Ausdrücken in unserer Sprache gesucht. Wenn man einmal ein Gefühl dafür bekommen hat, entdeckt man immer neue Bilder, die in Begriffe unserer Alltagssprache eingegangen sind. Bei diesem Suchen könnte und deutlich geworden sein:

  •  Bildhafte Sprache ist verständliche Sprache. Geistige, unanschauliche Wirklichkeiten kann man im Bild ausdrücken. Dieses Bild ruft im anderen Menschen die Erinnerung an eigene, ähnliche Erfahrungen hervor. Auf diese Weise versteht man sich. ("Das trifft mich!")
  • Sprache schafft Allgemeinbegriffe, sie abstrahiert aus vielen Einzelheiten das, was allen gemeinsam, was für alle wesentlich ist. Sie zeigt, was das Wesen einer Sache ausmacht: Das Wort "Baum" zeigt das, was den Baum zum Baum macht, was sein Wesen ausmacht, gleich, ob es sich um eine Birke oder um eine Kiefer handelt. Wer "krumme Wege geht", kann einem anderen Menschen nicht mehr "gerade in die Augen sehen". - Weit über die konkrete Tatsache hinaus, daß ein Stab etwa krumm oder gerade sein kann, benutzt unsere Sprache diese beiden Wörter in ihrer übertragenen, damit aber Wesentliches aufzeigenden Bedeutung.
  • Wo Sprache bildhaft ist, wo Sprache das Wesentliche anschaut, tut sie das, was wir in der Meditation üben. Man kann geradezu sagen: Sprache meditiert. Meditation spricht die Bildschicht des Menschen an, und Meditation will helfen, das Ziel zu erfüllen, das Angelus Silesius so formuliert hat:
  • Wo Sprache eine geistige Wirklichkeit bildhaft-abstahierend verdeutlicht, schafft sie ein "Symbol": "Diese Aufgabe liegt wie ein Berg vor mir", kann jemand sagen. - Der "Berg" wird hier als Symbol benutzt, in dem das Wesen solcher Aufgaben anschaulich wird, die dem Menschen vorkommen, als seien sie kaum zu bewältigen.
  •  Es gibt eine "Entsprechung" zwischen der Welt der äußeren, erfahrbaren Wirklichkeiten und dem, was im Menschen verborgen ist. Es gibt sogar eine verborgene, geheimnisvolle Entsprechung zwischen Dingen und Geschehnissen dieser Welt und dem, was als Geheimnis in Gott verborgen ist. Wenn das nicht so wäre, hätte Jesus nicht in Gleichnissen und Bildern von Gott und dem Himmelreich sprechen können. Aber nur unter der Führung des Heiligen Geistes erschließen sich dem Menschen diese geheimnisvollen Entsprechungen. "Selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören." (Mt 13,16)
     


    Heute wollen wir Symbolmeditation üben, d.h., wir wollen im stillen Anschauen des Symbols warten, bis etwas Entsprechendes in uns selbst oder auch im Blick auf Gott zum Klingen kommt. Das kann man gar nicht genug üben. Wer nur etwas davon in sein Leben aufgenommen hat, hat einen ersten Blick getan in den Reichtum, den uns die Meditation erschließen will. Die ganze Welt ist erfüllt von solch verborgenem Reichtum.

    Schläft ein Lied in allen Dingen,
    die da träumen fort und fort -
    und die Welt hebt an zu singen,
    triffst du nur das Zauberwort.

    (Eichendorff)


    1. Übung

    Die Schritte, in denen sich eine Symbolmeditation etwa bewegen könnte, könnten so aussehen:

    Ich will ein Flugzeug meditieren:

    1. Schritt: Ich schaue mir das Flugzeug genau an, wie es vor mir steht - sein Aussehen, sein Material - (innerlich sehen, mit allen Sinnen wahrzunehmen versuchen!)

    2. Schritt: Ich komme mit dem Flugzeug ins Gespräch:

    - Was spricht mich an? ...
    - Wozu bist du da? ...
    - Wie erfüllst du den eigentlichen Sinn deines Daseins? ...
    - Ich warte, ob etwas "Entsprechendes" in mir mitzuklingen beginnt ...

    3. Schritt: Wieder anders werde ich ein Flugzeug befragen, in das ich zu einer weiten Reise einsteigen will: Trägst du mich? Bringst du mich sicher ans Ziel?

    Diese drei Schritte könnten wir jetzt auch bei unserer Symbolmeditation vollziehen.



    2. Übung

    Ich schaue eine Quelle ...

    (mindestens 10 Minuten Stille ...)

    Ergebnis:

    Der Überstieg in die Wirklichkeit des Lebens war allen gelungen. Doch jeder hatte den Vergleichspunkt an einer anderen Stelle gefunden.

  • "Die Quelle strömt unerschöpflich, immer quillt neues Wasser nach - so habe ich im Leben auch Quellen, aus denen ich schöpfe..."
  • "Das Wasser der Quelle ist völlig ungetrübt und rein - später wird es verunreinigt. Warum ist in unserem Leben alles immer so vermischt, die Selbstlosigkeit mit dem Egoismus, die Erfüllung mit dem Überdruß, die Freude mit der Leere, die danach kommt - nie ist alles so klar wie das frische Quellwasser?"
  • Daraus kann man erspüren:

  • Eine Sache, die man auf ihre Symboltiefe befragt, kann ganz verschiedene "Antworten" geben, verschiedene Sinngehalte verdeutlichen.
  • Bei der eigenen stillen Meditation wird jedem gerade der Sinngehalt deutlich werden, der für sein eigenes Leben Bedeutung hat. Deshalb müssen wir den Raum der Stille schaffen für die Meditation, damit jeder wirklich "zu sich selbst" kommt. Das brauchen wir wie keine Generation vor uns - und wir brauchen konkrete Hilfen dazu.
  • Es kann sein, daß sich mehrere Sinngehalte zur Meditation anbieten. Dann muß man sich nach kurzer Zeit entscheiden, an welcher Stelle man in die Tiefe gehen will. (Später kann man zurückkehren und einen anderen Weg gehen.)
  • Das aber macht deutlich, daß es in der Meditation nicht darauf ankommt, alles mitzubekommen oder möglichst eine Vollständigkeit zu erreichen. Erfüllung, Reichtum und Glück erschließt sich dem, der die Tiefe des Lebens entdeckt. Dazu gehört aber unbedingt Beschränkung und Entscheidung!

  • Mit den bisherigen Übungen haben wir nun den Grund gelegt für unsere erste biblische Meditation. Die Bibel ist voll von Symbolbildern, wenn sie von den Dingen des Gottesreiches, ja wenn sie von Gott selbst spricht. Gott ist der "Vater", der "Fels", das "Licht", Jesus ist das "Brot des Lebens", das Himmelreich ist gleich einem "Schatz im Acker" - zu Ostern wird der "schwere Stein" vom "Grab" hinweggewälzt, es geschieht etwas, was die Grundfesten der Erde ins Wanken bringt: es geschah ein großes "Erdbeben" - ebenso wie sich am Karfreitag die "Sonne verfinsterte".

    Haben wir die Symbolmeditation geübt, können wir deren Schritte ganz ähnlich bei der biblischen Meditation anwenden:

  • Ich meditiere das biblische Symbol als solches. Ich schaue es an, überlege seine Funktionen, seinen Sinn ...
  • Ich frage den, der dieses Symbol verwendet:
  • Ich komme ins Spiel: Was bedeutet dieses Wort für mich, für mein Leben?
  • Gefühle kommen lassen, bei ihnen verweilen - Wünsche und Sehnsüchte kommen lassen, ihnen nachgeben - u. U. mich mit dem Symbol identifizieren (siehe Zweite Übungsgruppe)...
  • Biblische Meditation mündet ins Gebet - dieses Gebet kann mit oder ohne Worte geschehen.

  • 3. Übung
  • Wir meditieren das Wort Jesu:

    "Ich bin das Brot des Lebens" (Joh 6,35)
    (ca 10 Minuten Stille ...)

    Ergebnis:

  • Wir versuchen, uns den Unterschied deutlich zu machen zwischen dem, was wir eben getan haben, und einer Predigt, die wir über diesen Text hören.

  • Wenn die Predigt gut ist, vermittelt sie uns Gedanken, die ein anderer Mensch gedacht, vielleicht auch Meditationen, die ein anderer Mensch vollzogen hat - sie spricht mich an, bringt in mir selbst etwas zum Klingen. 

  • In der eigenen Meditation wächst etwas aus mir selbst. Jeder kann es erleben: Das, was ich selbst gefunden habe, haftet ganz anders, hat eine viel tiefere Wirkkraft als etwas, was ich hörend von einem anderen Menschen übernommen habe. Bei diesem eigenen Erfahren ist der Raum besonders weit geöffnet, in dem der Heilige Geist zu mir spricht.

  • Wenn Mozart seine "Kleine Nachtmusik" in Notenzeichen auf Papier schrieb, dann hatte er die Musik vorher in sich gehört und brachte das Gehörte in eine Form, aus der sie anderer wieder in Töne zurückversetzen können. Erst wer die Musik hört, versteht die Noten. So ist es mit weiten Teilen der Bibel, z.B. mit unserem eben meditierten Wort Jesu. Solche Worte sind aus der Meditation entstanden und in Worte gebracht - aber wer sie wirklich in ihrer Tiefe erfassen will, der muß in sich diese Meditation wieder zum Klingen bringen.

  • 4. Aufgaben zum eigenen Weiterüben:

  • z.B. Weg, Haus, Weiche, Knospe, Regen ...
  • - Symbolworte Jesu meditieren:

  • "Ich bin das Licht der Welt" ...
  • "Ich bin der Weg" ...
  • - Weitere Symbolworte Jesu suchen, die sich zur Symbolmeditation eignen ...

    - Gesangbuchlieder suchen, welche Symbole meditieren ...

     


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