Achte Übungsgruppe
Eigencharakter christlicher Meditation


Heute wollen wir wieder mit einer Symbolmeditation beginnen, die uns als Eingangstor in die weiter Meditation dienen soll. Meditieren gleicht dem Tun eines Menschen, der die Erde tief aufgräbt, um dort vorhandene Quellen zu erschließen. Eines Tages entdeckt er, daß er auf eine unterirdische Wasserader gestoßen ist, die nicht nur an dieser Stelle fließt, sondern das ganze Gebiet durchzieht. Man kann an den verschiedensten Stellen nachgraben - und stößt immer wieder auf das gleiche Wasser. Je mehr man hineinwächst in ein meditatives Leben, desto mehr erlebt man, wie dieses Wasser mit seinen lebendigen Adern alle Gebiete unseres Lebens durchzieht.

Vorübung:

Wir lassen zuerst wieder alle Unruhe abklingen. Hier ist es still ... in mir ist es still ... ich warte, bis diese Stille mich auffängt ...


1. Übung

Ich schaue an - ein Rad.

Es ist gut, die Urform eines Rades zu wählen, wie wir sie etwa noch am Fahrrad haben: Solch ein Rad besteht aus dem Radkranz außen (Felge) und den Speichen, die diesen Radkranz mit der Nabe innen verbinden. Diese Nabe dreht sich um die Achse.

Die Meditation könnte sich etwa in folgender Richtung bewegen:

  • Was ist nötig, damit ein Rad richtig funktioniert, seinen Sinn erfüllt?
  • Was ist der Sinn eines Rades, wozu ist es da?
  • Gibt es etwas Ähnliches, Entsprechendes in der Wirklichkeit menschlichen Lebens - in meinem Leben?
  • Ausklang der Übung:

    Jetzt versuchen wir, das, was uns aufgegangen ist, wie bei der Übung mit der "Bergwanderung" , in kurzen sprichwortähnlichen Sätzen zu formulieren. Ein klar formulierter Satz bringt die Meditation zum Abschluß und gibt festen Grund, um darauf weiterzugehen. Diese Mühe lohnt sich. Wer schreiben kann (ich habe immer die Schwerbehinderten mit vor Augen), sollte seine gefundenen Sätze aufschreiben, ehe er weiterliest ...
     
    In unserem Kreis kamen u.a. folgende Ergebnisse:

    Warum teile ich Ihnen immer wieder die von uns gefundenen Ergebnisse unserer Übungen so ausführlich mit? Wer solche aus der Meditation hervorgegangenen Bilder oder Sätze auf sich wirken läßt, wer sie selbst weiter meditiert, der versucht, "dahinterzukommen", wie ein anderer wohl solch anderem Ergebnis der gleichen Aufgabe kommen konnte. Dadurch aber läßt er sich hineinnehmen in den inneren Meditationsvollzug des anderen. Was geschieht dabei?

    Lasse ich mich aber von einem anderen Menschen gewissermaßen mitnehmen, die Dinge von seinem Blickwinkel her zu betrachten, dann bekomme ich einen neuen Anblick, der mich selbst bereichern wird. Deshalb liegt uns "Gesunden" auch viel daran, den Blickwinkel der kranken und behinderten Menschen kennenzulernen - damit wir dadurch reicher werden! Vieles bekommt man nur in den Blick, wenn man "von unten" schaut.



    2. Übung

    Wir nehmen noch einmal die Meditation des Anfangs auf:

    Ich schaue die Achse meines Lebens.

  • Worum kreist mein Leben? ...
  • Worum dreht sich bei mir alles? ...
  • Ist mein Leben überhaupt auf eine Mitte bezogen? ...
  • Wie müßte es sein? ...

  • (ca. 5 Minuten Stille ...)

    Ergebnis:

    Die Antwort auf die Frage nach der Achse unseres Lebens wurde spontan gegeben: Christus ist die Achse.

    Diese Antwort aber kam eigentlich nicht aus dem Raum der Meditation - Meditation will ja das in uns hervorlocken, was im Inneren verborgen ist. Diese Antwort aber ist nicht natürlicherweise im Menschen verborgen, so daß sie hervorzulocken wäre, sondern sie ist von Gott gegeben und in uns eingesenkt worden. In der Meditation aber wird nicht nur das lebendig, was in uns und aus uns selbst ist, sondern in der Meditation wacht auch das in uns auf - und wir erleben es als unser Eigenes -, was einmal in uns hineingesenkt wurde und dort Wurzel gefaßt hat! Sagen wir es mit einem biblischen Bild: Das Wort Gottes liegt wie ein Samen im Erdreich unseres Innern. Meditation setzt dieses Erdreich der Sonne und dem Regen aus, damit der Same wächst, genährt aus den Kräften unseres inneren Lebens.



    3. Übung

    Was bedeutet es für mein Leben, wenn Jesus Christus die Achse ist? ...

    Der Gang der Meditation könnte etwa folgender sein: Aus dem heute Gehörten nehme ich noch einmal etwas auf, was mich besonders angerührt hat: Ich verbinde es mit diesem Bild:

    Christus, die Achse meines Lebens ...

    Ergebnis:

    Man muß nicht über jede Meditation sprechen, vieles will in der Stille ausschwingen. Manchmal aber drängen Bilder geradezu danach, weitergegeben zu werden. Solch ein Bild stellte sich ein:

  • "Ich sah vor mir einen Eisenbahnzug mit vielen Rädern, ich bin ein Rad unter den vielen )durch die Achse mit den anderen Rädern verbunden), ich muß zentriert sein, damit ich nicht den ganzen Zug hindere, nicht um mich geht es, wenn ich mein ganzes Leben in allen Einzelheiten auf Christus zentriere, wir Christen sind die Räder, Christus die Achse (bzw. die Achsen) - der Zug ist die Welt, die sich auf das Ziel zubewegt.

  • Christliche Meditation hat ihren eigenen Charakter. Sie nimmt vieles auf von dem, was die östlichen Meditationsschulen uns anbieten, und sie nimmt es dankbar auf. Aber sie hat ein anderes Ziel: In der östlichen Meditation soll derMensch seine Mitte und Tiefe finden und dadurch den Zugang gewinnen zum Urgrund allen Seins. Für uns Christen ist das "Ich" des Menschen die Nabe, welche die Achse, Jesus Christus, umschließt. Dieses "Ich" bindet durch die Liebe das ganze Leben mit allen Bereichen an diese Achse. Im Bilde gesagt: Während das Rad der östlichen Meditation waagerecht steht, durch die Achse mit dem Grund verbunden, steht - nein - bewegt sich das Rad christlicher Meditation aufrecht auf ein Ziel zu - und kann Lasten tragen und befördern. Was aber unser Leben fest um Christus herum zusammenschließt, ist die Liebe zu ihm.



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